(Niederhausen) „Das Wirtshaus ist eine Institution mit langer Tradition in Bayern. Es ist Teil unserer gelebten bayerischen Kultur. Es ist ein Ort der Begegnung, des Austausches und auch der Unterhaltung, es übernimmt viele wichtige soziale Funktionen“, so Ulrich N. Brandl, Präsident des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes DEHOGA Bayern, im Rahmen eines Pressegespräches in Niederhausen. Mit ihm zusammen diskutierten zum Thema Genuss mit Geschichte? Die Wirtshauskultur in Bayern im Wandel im Landgasthof Hager die niederbayerische Bezirksvorsitzende Rose Marie Wenzel, die bayerische Bundestagsabgeordnete Gudrun Zollner sowie Hausherrin und Vorzeigegastronomin Julia Hager.
Doch diese Wirtshaustradition scheint seit vielen Jahren gewaltig an Bedeutung zu verlieren. Laut einer aktuellen Studie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt haben viele Wirtshäuser auf dem flachen Land in den letzten Jahren ihre Türen geschlossen. „Wo die Wirtschaft stirbt, stirbt der Ort“, so die Kernthese. Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt der jüngst vorgelegte Betriebsvergleich des Deutschen Wirtschaftswissenschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr an der Universität München (dwif): „Zu massiven Bereinigungen kam es erneut bei Gasthöfen und Schankwirtschaften (…). Da dieser Betriebstyp für die gastronomische Grundversorgung von großer Bedeutung ist, gibt diese Entwicklung mit Blick auf eine geringere Versorgungsdichte strukturpolitisch zu denken.“
„Wir wollen die vielen positive Beispiele unterstützen und hervorheben um anderen Mut zu machen“, betonte Brandl. Getreu dem Motto „Wo Wirtshäuser leben können, hat auch der ländliche Raum eine Chance!“ erarbeiteten die Teilnehmer Antworten auf Fragen, wie „Kann und soll dagegen etwas unternommen werden?“ oder „Wie stemmt man sich gegen den negativen Trend?“.
Die Verwendung regionaler Produkte im saisonalen Wechsel, das Erschließen von zusätzlichen Absatzmärkten durch Catering, die Zusammenarbeit mit Vereinen, die mittägliche Verpflegung von Kindergarten- und Schulkindern oder das konsequente Ausrichten an den Bedürfnissen der jeweiligen Zielgruppe sind dabei nur einige Aspekte, die seitens der Wirte umgesetzt werden können.
Wenzel forderte die Politik auf, die Rahmenbedingungen für den Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur auf den Prüfstand zu stellen: „Hier gibt es die unterschiedlichsten Ansatzpunkte, um Dorfwirtschaften zu unterstützen. Allen voran ist ein einheitlich reduzierter Steuersatz für das gesamte Gastgewerbe Voraussetzung für den Fortbestand der Wirtshaustradition.“ Zudem dürften immer mehr Auflagen und Dokumentationspflichten nicht dazu führen, dass es immer weniger Betriebe gibt, in denen sie angewendet werden könnten.
Brandl: „Aller Ideenreichtum und Können der Wirte sind zwar wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen Betrieb, ohne faire Wettbewerbsbedingungen kann jedoch auf Dauer kein Konzept wirtschaftlich aufgehen.“ So schloss er sich in seinem Fazit der Einschätzung der Wissenschaftler des dwif an: „Die Einführung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes (…) wäre für Gastronomiebetriebe zumindest genauso notwendig gewesen.“
Tourismus in Zahlen
Bayern ist nach wie vor die beliebteste Tourismusdestination Deutschlands. Der Jahresumsatz beträgt über 31 Milliarden Euro, rund 560.000 Menschen verdienen ihr Einkommen im Tourismus. Hotellerie und Gastronomie bilden das Rückgrat der bayerischen Leitökonomie Tourismus. Für rund 354 000 Beschäftigte bietet die Branche im Freistaat Arbeit, das entspricht über 7 Prozent aller Arbeitsplätze Bayerns. Darüber hinaus befindet sich mit 11.500 Auszubildenden nahezu jeder zehnte bayerische Ausbildungsplatz in einem Hotel oder einem Gastronomiebetrieb.
Neben der großen Bedeutung der Branche als Ausbilder und Arbeitgeber, gibt es eine weitere Besonderheit: Das Gastgewerbe bietet seine Arbeits- und Ausbildungsplätze bis in den letzten, oftmals strukturschwachen Winkel Bayerns hinein an, in Regionen, aus denen sich andere Industrien und Dienstleister längstens zurückgezogen haben.
Niederbayern gilt dabei als wichtiges bayerisches Urlaubsziel. Knapp 55.000 Menschen leben in Niederbayern vom Tourismus. Insbesondere junge Menschen finden im Hotel- und Gastgewerbe Ausbildungsplätze und auch andere Branchen, wie etwa der Einzelhandel und diverse Dienstleister, profitieren direkt vom Tourismus.*
Darüber hinaus wirken sich die Vorleistungen für die touristische Leistungserstellung auf die Einkommen von Zulieferern sowie auf die Steuerzuflüsse an Bund und Kommunen aus. Diese Faktoren machen den Tourismus zu einer tragenden Säule der ostbayerischen Wirtschaft.*
Wirtschaftsfaktor Tourismus in Niederbayern in Zahlen*:
- Aus der touristischen Nachfrage resultiert ein Bruttoumsatz von rund 2.554,6 Millionen Euro.
- Die durchschnittlichen Tagesausgaben über alle Zielgruppen betragen etwa 48,70 Euro.
- Die touristisch induzierten Einkommenseffekte im Rahmen der ersten und zweiten Umsatzstufe belaufen sich auf 1.181,4 Millionen Euro.
- Der relative touristische Beitrag zum Primäreinkommen in Niederbayern beträgt 4,6 Prozent.
- Das touristische Einkommen entfällt zu 60 Prozent auf die direkten und zu 40 Prozent auf die indirekten Profiteure.
- Das Einkommen aus der Tourismuswirtschaft liegt pro Jahr und Einwohner in Niederbayern und der Oberpfalz bei rund 863 Euro.
- Aus der Division des touristischen Einkommensbeitrages durch das durchschnittliche Primäreinkommen pro Kopf und Jahr in den jeweiligen Tourismusregionen Ostbayerns, ergibt sich ein Einkommensäquivalent von rund 54.720 Personen, die ihren Lebensunterhalt durch den Tourismus bestreiten können.
- Vom gesamten Steueraufkommen aus dem Tourismus in Niederbayern fließen 55,9Millionen Euro an die Kommunen zurück. Darin enthalten sind die anteilige Umsatzsteuer, die Gewerbe- und Grundsteuer der touristisch relevanten Betriebe sowie die anteilige Lohn- und Einkommenssteuer der im Tourismus beschäftigten Personen.
* Quelle: IHK Regensburg für Oberpfalz / Kelheim (Hrsg.): Wirtschaftsfaktor Tourismus in
Niederbayern und der Oberpfalz, S. 17 f., Passau / Regensburg 2010.
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